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Die Alzheimer-
Krankheit 
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ForgetMeNot.gif The Alzheimer's
Disease 
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Unsere Mutter Anfang der '90er
Meine Mutter

20.Juli 1914 bis 24. Juli 1999
Ihr Leiden: Die Alzheimer-Krankheit
Teil 3 - Januar bis Juni 1999

Januar 1999 ø Februar 1999 ø März 1999 ø April 1999 ø Mai 1999 ø Juni 1999

zum Teil 1 "bis Ende 1997" ø|ø zum Teil 2 "1998" ø|ø zum Teil 4 - "ab Juli 1999" ø|ø Obduktionsbericht

ForgetMeNot.gif Januar 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Die Langschlafphase ist zu Ende. Halb neun bis halb zehn ist nun die Standardzeit zum Aufwachen.
Ich habe unseren Hausarzt dazu veranlaßt, M. Ginkobil-Tropfen zu verschreiben, in der Hoffnung, daß M.s Sprechvermögen Hilfe bekommt. Nebenwirkungen sind sehr selten, also ist das Risiko sehr klein. Es ist äußerst schwierig, die Wirkung einzuschätzen. Wenn ich so meinen Text über die vergangenen Monate lese, sind Zyklen zu erkennen. Auf und ab. Und gerade mit dem Beginn des neuen Jahres ist es ja wieder, wie vor einem Jahr, aufwärts gegangen. Vielleicht ist es in einigen Wochen klarer.
Mein Geburtstag am 5. hat M. nicht beeindruckt. Dies hatte ich auch nicht erwartet.
Im letzten Drittel des Monats ist ihre Blase nun stabil, wie schon lange nicht mehr. Ich denke fast, daß da wieder eine Infektion am Werke ist, die das Entleeren stark behindert. Auch wenn ich davon noch nicht gehört habe.
Am 31. haben wir Besuch: Jochen Wagner kommt schon nachmittags, Gabriele Steininger gegen 8 Uhr. M. ist in glänzender Stimmung und kann Gabriele, die sie noch nicht kennt, ganz schön bluffen. Sie spricht teilweise fließend, erzählt von Bayreuth, wo sie einmal mit meiner Schwester im Lohengrin war. Ich habe natürlich begonnen darüber zu sprechen und sie hat den Faden richtig aufgenommen. Richard Wagner war immer ihr Liebling gewesen und das merkt man deutlich. Sie ist emotionell stark beteiligt und kann gut sprechen. Nachdem der Besuch um halb elf gegangen ist, geht es ganz schön durcheinander und ich bin froh, als sie im Bett ist. Auf jeden Fall ist es ein denkwürdiger Abend.
M. ist deutlich klarer und ruhiger. Ist es dem Ginkgo-Extrakt zu verdanken? Ich denke, er ist auf jeden Fall daran beteiligt.

ForgetMeNot.gif Februar 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Jochen kommt am 7. wieder zu Besuch und hat das Vergnügen, Saibling essen zu dürfen. Der 660 Gramm schwere Fisch ist für M. und mich natürlich viel zu groß. Mittags haben wir die 1. Hälfte geschafft und zum Abendessen gibt es die 2. Er ist kalt mit Zitronensaft, Salz und Pfeffer einfach deliziös. Jochen als Berliner kannte den Saibling nicht und weiß jetzt auch, daß er aus den oberbayerischen Seen kommt.
M. hat kalte Oberschenkel und warme Schienbeine. Daran ändert auch das Weihnachtsgeschenk meiner Schwester, eine neue Trainingshose, nur wenig. Gegen das Ausziehen habe ich die Taktik mit der neuen Hose entwickelt. Ich frage, ob sie kalte Beine hat, was sehr wahrscheinlich ist, ziehe ihr die Hose an und hoffe, damit dem Ausziehdrang begegnen zu können. Es funktioniert sehr oft. Aber M. ist auch relativ klar und ruhig, wie oben bereits geschrieben.

Am 10. spät nachmittags hat M. begonnen zu hüsteln und ihr war kalt. Die Zimmertemperatur war wie immer, um die 22 Grad. Also habe ich ihr eine Decke über Schoß und Beine gelegt und ihr schwarzen Tee mit Rum zubereitet. Getrunken hat sie allerdings nur wenig davon. Später dann konnte sie sich kaum auf den Beinen halten. "Schwammerl in die Knie" heißt das in unseren Landen. Ich habe sie mit Müh und Not auf die Toilette gebracht, was sich dann als vergebens herausstellte. Kein Urin ist gekommen.
Das Ausziehen war ganz schön mühsam, da sie kaum mithelfen konnte. Mit der Technik, die ich mir angeeignet habe, gelingt es mir, sie nur durch mein Gewicht auf die Beine zu bringen und zu bewegen. Hochheben kann ich sie nur mit aller Kraft, sie tragen geht wahrscheinlich über meine Kräfte.
Kaum im Bett und der Kopf auf dem Kopfkissen, wurde ihr schlecht. Ich konnte gerade noch rechtzeitig eine Schüssel auf der Küche holen und dann musste sie sich schon übergeben. Es war nicht viel, Tomaten- und Brotreste, und was sie getrunken hatte. Es war nicht einfach, ihren Oberkörper aufrecht zu halten und dafür zu sorgen, daß nichts daneben ging. Das Würgen ließ dann schnell nach und sie trank noch zwei Schluck Saft. Ich blieb noch ein paar Minuten neben ihr auf dem Bett sitzen und sagte ihr mehrmals, sie sollte mir laut rufen, wenn sie zur Toilette müßte. Dann, wie immer, Licht aus und Türe angelehnt.
Wenn M. im Bett ist, gehe ich wieder ins Wohnzimmer (neben ihrem Schlafzimmer), lese dann noch eine viertel bis halbe Stunde und lausche, ob sie schläft. Der Übelkeitsanfall war vorbei, worüber ich doch froh war. Wenn sich jemand im Liegen übergibt, besteht die Gefahr, das Erbrochene in die Luftröhre zu bekommen. Dies kann sehr gefährlich sein.
Um 3 Uhr 15 war es dann so weit. Ich wurde vom ihrem Rufen geweckt und war, da ich mich mental darauf vorbereitet hatte, sofort hellwach. Geistig war sie sehr klar, körperlich ziemlich schwach. Sie in den Toilettenstuhl zu heben, hat ihr leider Schmerzen bereitet. Aber ohne ihre Hilfe geht es nicht besser. Wir haben es gerade noch geschafft auf die Toilette zu kommen und es gingen nur ein paar Tropfen daneben.
Donnerstag: Ich hatte erwartet, daß sie länger schlafen würde. Aber um dreiviertel neun hörte ich sie schon rufen. Als dann allerdings die kalte Luft an ihre Beine kam - als ich das Zudeck zurückschlug -, hat sie es sich anders überlegt und blieb noch liegen. Wenige Minuten später, ich saß wieder vor dem PC, drang tiefes Atmen an mein Ohr. Eine gute Stunde schlief sie dann noch.
Ganz so schwach wie gestern abend ist M. heute nicht mehr. Zähneputzen, waschen - Fehlanzeige. Also mache ich es für sie. Das Kaffeetrinken geht auch sehr zäh. Sonst ist die erste Tasse in fünf Minuten leer, heute hat es ewig gedauert. Die Tabletten habe ich ihr einzeln in den Mund geschoben. Und immer wieder "trink, Mama", "schluck sie hinunter".
Ich rufe unseren Hausarzt an und bitte um seinen Besuch am Nachmittag.
M. ist sehr passiv. Wenn ich ihr etwas sage, wiederholt sie es nur und tut es erst, wenn ich wiederhole. Beim Mittagessen, Kartoffelsuppe (Eigenprodukt) mit Erbsen - lecker -, ißt sie anfangs selbst. Dann liegt der Löffel im Teller. Also helfe ich ihr und füttere sie. Aber viel ist es nicht, was sie ißt.
Unser Hausarzt kommt mit seiner Kollegin, die mitarbeitet, um später die Praxis zu übernehmen, vermute ich. Sie untersuchen M., die wieder lebendiger ist, und können nichts feststellen. Lunge, Herz, Kreislauf sind in Ordnung, kein Wasser in den Beinen. Sie meinen, M. hätte ein Flüßigkeitsdefizit, darum kommt kein Urin. Sie sind nicht besorgt und verschreiben auch keine Medizin.
Sie sind wieder weg und M. wird wieder ruhig.
Nach dem Abendessen gegen 19:00 muß M. auf die Toilette - nach 9 Stunden. Sie ist wieder ziemlich schwach auf den Beinen.
Das Bettgehen ist genauso mühsam, wie am Abend zuvor. Aber sie schläft schnell ein, trotz der verstopften Nase und dem Husten.
Freitag: M. schläft bis 10:15. Ihr Atmen war deutlich hörbar und sie hat auch im Schlaf gehustet, ohne aufzuwachen. Wie ich sie aus dem Bett hole, sehe ich kleine Urinspuren. Die Blase ist im Schlaf übergelaufen. Muß schon eine Zeit her sein, da alles eingetrocknet ist. Die Unterlage ist Gold wert.
Sie ist schwach, wie am Tag zuvor. Es ist nicht möglich ihre Morgentoilette durchzuführen. Alles tut ihr weh. Wenn ich versuche, sie zu bewegen, kommt sofort "Au!!!". Das Anziehen ist für sie eine Qual, obwohl ich so vorsichtig wie möglich bin, aber sie muß warm angezogen sein.
Der Kaffee lockt sie gar nicht. Sie tut nichts, auch wenn ich es ihr sage. Also helfe ich ihr die ganze Zeit. Tasse zum Mund, trinken. Die Tabletten machen wir auf Raten. Einzel und im Abstand von einigen Minuten mit Wasser. Unter diesen Umständen kann ich sie nicht alleine lassen und das Einkaufen fällt aus.
Mein Nachfrage bei der Tagespflege ergibt, daß niemand krank ist. Dies ist schon komisch. M. ist eigentlich nie krank. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann sie das letzte Mal krank war.
Am abend ist es mir gelungen sie zum Trinken zu animieren. Auch wenn ihr eigentlich nichts geschmeckt hat. Dreierlei Säfte und Tee habe ich ihr aufgetragen. So ist dann doch etwas zusammengekommen.
Ich kann mir vorstellen, daß so ihr Zustand in einiger Zeit sein wird. Fast keine Eigeninitiative mehr, als Antwort "ja" oder "nein" und eigentlich nie zutreffend, also immer das Gegenteil. Ich hoffe für sie, daß ihr starker Organismus diese Erkältung schnell in den Griff bekommt und überwindet.

Samstag: Meine Bitte ist erhört worden. M. ist um 9.15 Uhr aufgewacht. Sie ist noch etwas schwach auf den Beinen und das Zähneputzen geht noch nicht. Aber die zwei Tassen Kaffee haben ihr gut geschmeckt, die Tabletten und die Tropfen sind kein Problem mehr. Der Durchfall am späten Vormittag ist hoffentlich der krönende Abschluß dieser Krise. Wir haben es natürlich nicht ganz rechtzeitig geschafft, aber die Misere hat sich in Grenzen gehalten. Zumindest kann sie mit meiner Hilfe wieder gehen. Damit ist die Tagespflege ab Montag wieder sicher.

Für diesen Monat ist es genug.

ForgetMeNot.gif März 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

So hatte ich gedacht. Leider war diese Infektion damit nicht erledigt. Bis zum Ende des Monats ging es weiter - einmal ein wenig besser, dann wieder schlechter. Das Aufstehen an den Tagen der Tagespflege war schon eine richtige Qual für M. und mich. Kaum ein Wort, nur "ja" oder "nein", und selten richtig. Fast immer das Gegenteil.
Erst am 6. des Monats ist M. wieder so, wie sie vor der Infektion gewesen ist. Nun gilt es abzuwarten, ob sich dieser Zustand stabilisiert. Auf jeden Fall werden wir alles was nötig ist vorbereiten, um für die Aufnahme in ein Pflegeheim vorbereitet zu sein. Mehr als im Februar von mir verlangt worden ist, kann ich nicht leisten. Dann ist es besser für M., wenn sich Profis um sie kümmern.
Von einer guten Bekannten habe ich den Tip AWO Neubiberg erhalten. Dort gibt es eine Pflegeabteilung mit 40 Betten, aber auch zwei geronto-psychiatrische Wohngruppen (a 10 Personen). Diese haben meine Schwester und ich besucht und sind positiv beeindruckt. Ich bin bereits zum 2. Mal dort gewesen und habe ein einstündiges Gespräch mit einem der beiden Therapeuten geführt. M. soll zu einem Probetag kommen. Dann werden er und die anderen Pflegekräfte versuchen herauszufinden, ob M. in eine der beiden Gruppen paßt. Ist dies der Fall, muss auch eine Zimmerpartnerin passen. Ist auch dies der Fall, muß ein Platz freiwerden. Das kann sich natürlich über viele Monate hinziehen. Aber die Chancen stehen nicht so schlecht, da dieser Platz auch durch Übersiedlung eines Insassen in die Pflegeabteilung frei werden kann. Wir haben uns praktisch schon für dieses Haus entschieden.
Ich habe mir nicht alles merken können, was der Therapeut erzählt hat. Aber wichtig ist: Sowohl Validation als auch Selbsterhaltungstherapie sind die Basis für die Wohngruppen. Dazu gehören auch zum Beispiel:

  • Gemeinsames Kochen und Essen
  • 1 mal pro Monat ein Ausflug (der nächste zum Schloss Nymphenburg)
  • 1 mal pro Woche in den Supermarkt zum Einkaufen
  • vormittags und nachmittags gemeinsame Aktivitäten (so weit gewünscht)
  • 1 mal pro Woche kommen Senioren der Nachbarschaft zum Kaffee

  • Diese Abteilung sieht weniger wie eine Pflegeabteilung aus. Daß es nur Zweibettzimmer gibt, dürfte kein Problem sein. M. schläft in der Regel sehr gut und tief. Es gibt zwei Wohnzimmer mit mehreren Sofas, Stereoanlage und TV. Rund um das Haus ist Garten, der intensiv von den Insassen, auch der Pflegeabteilung, genutzt wird. Etwa ein halbes Dutzend Sitzgruppen in den Ecken im lockern den schrägen Korridor auf. Die Zimmer sind sehr akzeptabel und kleine eigene Möbel, Bilder etc. sind erwünscht. Die Angehörigen werden in das Betreuungskonzept mit einbezogen, sollen teilnehmen.
    Es hängt also jetzt von M. ab. Wir können eigentlich nichts tun als dafür zu sorgen, daß es ihr gut geht und sie somit auch "gut ankommt".
    Wie geschrieben, ist bei M. durch die zweifache Hüftgelenksoperation das rechte Bein inzwischen wohl vier cm kürzer. Über die 15 Jahre seit der zweiten Operation ist ihre Gehfähigkeit dadurch sehr beeinträchtigt und für Strecken über 20 bis 30 m ist der Rollstuhl notwendig. Ob diese körperliche Behinderung ihre Aufnahmechancen verschlechtert, muss sich noch herausstellen.

    Bei unserem Besuch bei einer Neurologin zwecks Bescheinigung für's Heim hat diese angeregt, die Dosis der Madopar-Kapseln (L-Dopa => Dopamin => Botenstoff für die Bewegung zuständig u.a.) zu verdoppeln. Ich habe erst mal aus zwei drei gemacht (gegen 14.00 Uhr die dritte) und bin sehr überrascht. Sie bewegt sich viel besser, ist nicht mehr so steif. Und sie ist so viel wacher. Mehr als in den letzten Monaten '98. Dies ist der erhöhten Dopamingabe zuzuschreiben - davon bin ich überzeugt.
    Daß damit so einige Symptome wieder da sind, werde ich verkraften können. Noch bin ich lernfähig und kann das Gelernte auch anwenden. :-)
    Auf jeden Fall verbessert sich damit ihre Chance für Neubiberg. Und wenn nach Rücksprache mit unserem Hausarzt eine vierte Kapsel dazukommt, kann es nur noch besser werden.

    ForgetMeNot.gif April 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    M.s Comeback hat sich fortgesetzt. Bisher habe ich noch nicht davon gehört, daß das Vorhandensein einer größeren Dopaminmenge bei Demenzkranken so großen Einfluß auf die kognitiven Fähigkeiten haben kann.

  • M. ist wach wie schon lange nicht mehr.
  • Die Zyklen sind oft stark verkürzt, manchmal zu Stunden. Es kann also ein guter Vormittag, ein schlechter Nachmittag und Abend sein, vor dem Zubettgehen wird es dann wieder gut. Oder bunt gemischt.
  • Im guten Zyklus spricht sie viel besser.
  • Im schlechten redet sie fast ununterbrochen, hat immer einen (selten zutreffenden) Kommentar, der oft provozierend sein könnte. Wenn man die Krankheit nicht versteht.
  • Das Gehen ist stark verbessert. Neulich ist sie alleine in die Küche, ganz langsam, aber sie hat es geschafft. Ich wollte nicht eingreifen, weil sie gerade ziemlich aggressiv war. 30 Minuten später ging es ihr dann wieder besser.
  • ForgetMeNot.gif Mai 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Diese Tage hat M. das Ausziehen vergessen. Dies ist eine wahre Wohltat. Ihre Fragen nach ihren Eltern, ihrer Oma, all den Tanten sind an den Nachmittagen nach der Tagespflege ständig present, an den anderen sehr viel weniger. Ihre Schwester Else ist fast immer da, wird geschimpft, weil sie nie antwortet. M. ist dann echt sauer.
    Oft gelingt es mir, wenigstens mich aus der Schußlinie zu halten. Als Engel Werner bin ich immer der Liebe. Sie weiß auch fast immer, wer ich bin. Ein ruhiges, festes Umfeld sorgt für mehr Ausgeglichenheit, wie immer zu lesen ist.
    M. putzt sich die Zähne wieder selbst. Selten gelingt es ihr, die Zahnprothese selbst aus dem Mund zu nehmen. Aber immerhin.
    Die Steifheit bzw. die Beweglichkeit der Glieder schwankt ebenso, wie ihre geistige Leistungsfähigkeit. Das Dopamin, das durch die Kapseln dem Gehirn und Körper zugeführt werden, wird wohl nicht immer gleich gut genutzt. Aber es ist insgesamt immer noch besser, als letztes Jahr.
    Mit dem Essen wird es schwieriger. Fleisch gab es früher fast nur am Sonntag. Inzwischen schmerzt sie das Kauen und selbst Kurzgebratenes ist ihr zu hart. Da sie sehr langsam ißt und das Fleisch beim Erkalten immer fester wird, ist selbst Filet nicht mehr geeignet. Bleiben nur noch Gerichte wie Gulasch, wo das Fleisch von selbst zerfällt. Nun, während der Spargelzeit, kann ich ihr viel Freude bereiten. Und Sonntags gibt es Fisch: Forelle, Seewolf, Brasse, Saibling - was gerade frisch zu haben ist. Dies schmeckt ihr.
    Mitte Mai hat der Blutdruck begonnen etwas runterzugehen. Dies resultiert in einem recht dicken linken Unterschenkel und dickem Fußgelenk. Unser Hausarzt, der auf meinen Anruf hin noch am selben Tag vorbeigeschaut hat, hat ein neues Medikament (Digimerck minor 0,07 mg) verschrieben. Dienstag geht es damit los. Er meinte, es sei ein Stau im Lymphknoten in der linken Hüfte. Aber ich solle mir keine Sorgen machen.
    Dicker darf der Fuß nicht werden, sonst paßt kein Schuh mehr.
    Die heißen Tage in den letzten Maitagen haben wohl verhindert, daß das Medikament so richtig seine Wirkung tun konnte. Morgens sind Wade und Gelenk zwar deutlich dünner, aber im Laufe des Tages schwellen dann Unterschenkel und Gelenk wieder an, bis der Straßenschuh ganz eng sitzt.

    ForgetMeNot.gif Juni 1999 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Am Dienstag, den 1. Juni konnte M. nicht zur Tagespflege. Am Vortag/abend mußte sie sieben Stunden nicht auf die Toilette. Dafür hat sie mich um 4.25 geweckt und wir haben es beinahe geschafft. Dann: Bett neu überziehen, M. waschen - es war fast fünf Uhr, als ich wieder im Bett war. Das Aufstehen war dann schon ziemlich schwierig und ich hätte es besser bleiben lassen. Sie konnte nicht stehen, was beim Versuch der Morgentoilette deutlich wurde. Sie hatte keine Kraft - "Schwammerl in die Knie" sagen wir in Bayern. Für mich bedeutete dies: Ein Tag Urlaub.
    Über den Tag wurde es zwar besser und phasenweise ging sie richtig gut, um dann beim nächsten Mal eine Neigung nach rechts zu haben, daß es mir nur mit äußersten Kräften gelang, mit ihr zu gehen.
    Am Abend war dann aber klar, daß es auch am Mittwoch nichts mit der Tagespflege werden würde. Urlaubstag Nummer zwei.
    Donnerstag, Freitag wurde es nicht besser, im Gegenteil. Der wirklich hervorragende Spargel zum Mittagessen fand nur wenig Anklang, wo doch Spargel zu ihren Lieblingsspeisen zählt. Beim Zubettbringen tat ihr dann alles weh, egal wie ich auch versuchte, sie zu halten und heben.
    Samstag morgens war es dann noch schlimmer. Ich hörte sie um 10.20 Uhr und ging zu ihrem Bett. Meine fröhlichen Guten-Morgen-Grüße wurden kaum beantwortet. Wenigstens auf meine Frage "Mußt Du auf die Toilette" kam ein deutliches "Ja". Beim ersten Versuch, ihren Körper zu drehen, um sie zum Sitzen hochziehen zu können, begann sie zu jammern "Wawawawawawa". Aber viele Möglichkeiten bleiben nicht, um M. aus dem Bett zu bekommen. Also mußte ich ihr Schmerzen bereiten, um sie in den Stuhl zu bekommen, mit dem ich sie immer zur Toilette fahre. Dort angekommen war es nicht leichter, sie auf den Sitz zu hieven, und dann wieder zurück auf den Stuhl. M.s Körper war total steif und jede Bewegung tat ihr sehr weh. Ich telefonierte mit meiner Schwester, weil ich wirklich ratlos war. Sie kam dann auch bald und wir beschlossen, den Bereitschaftsdienst Münchner Ärzte anzurufen und um einen Besuch zu bitten. M. hatte Kaffee getrunken und ihre Medikamente geschluckt. Sie brummelte fast die ganz Zeit, war auch ansprechbar. Nur verständliche Worte kamen nicht über ihre Lippen. Mit Geduld bekamen wir ein "Ja" oder "Nein". Wenigstens etwas.
    Eine knappe Stunde später kam ein sehr netter praktischer Arzt und untersuchte M. Sein Befund: "Ganz tief in der Lunge ist etwas Wasser. Aber nicht besorgniserregend. Herz, Puls in Ordnung." Wenn es seine Mutter wäre, würde er noch einen Tag zuwarten, bevor er sie ins Krankenhaus einweisen ließe. Es läge (noch) keine Dehydrierung vor und sie sollte "viel trinken". Wir sollten wieder anrufen, wenn es schlimmer würde. Bald nach ihm ging dann auch meine Schwester.
    Später machte ich Kaffee und M. trank eine Tasse. Vorher hatte sie einige Schlucke Apfelsaft getrunken, aber nicht viel.
    Abends aß M. dann ein paar Stücke Spargel und Kartoffel. Aber viel war es nicht. Da klar war, daß ich M. alleine nur mit großer Mühe zu Bett bringen würde können, rief ich wieder meine Schwester an, die kurz vor Neun dann kam. Gemeinsam schafften wir es ohne Mühe M. auf die Toilette  zu bringen. Gegen 21.20 Uhr war M. dann im Bett und schlief auf der Stelle ein. Wir redeten noch ein bißchen und meine Schwester fuhr wieder heim.
    Sonntag meldete sich M. gegen 9.30 Uhr. Sie hatte also zwölf Stunden geschlafen, was ihr gutgetan hatte. Die übergroße Schmerzempfindlichkeit war nicht da und ich hatte relativ wenig Mühe. Es ging ihr deutlich besser, auch wenn schlimme Momente mit besseren abwechselten. Aber die besseren waren in der Überzahl. Vor allem die Sprache kehrte zurück, was wirklich Gold wert ist. Vom Mittagessen hat sie nur wenig gegessen, dafür danach einige Weintrauben, was sie die letzten drei Tage nicht getan hatte. Am Samstag hatte sie den Mund nicht weit genug aufgebracht, was nach dem Mittag wieder gelang.

    Und innerhalb von zwei Stunden hat sich ihr Zustand total verschlechtert. Dann war es soweit, dass M. ihr Kinn und damit die Kau- und Schluckmuskulatur kaum mehr kontrollieren konnte. Nur bei jedem fünften Versuch konnte sie einen kleinen Schluck trinken. Ratlos wie ich war, rief ich Freunde (Pflegeprofis) an, die so lieb waren, zu uns zu kommen. Gemeinsam haben wir versucht, M. Saft einzuflössen. Nichts zu machen. Dann habe ich wieder einen Arzt geholt und die Einweisung vornehmen lassen. Noch im Rettungswagen ist ihr die Infusion gesetzt worden. Meine Schwester, die ich angerufen hatte, ist dann mit mir dem Wagen nachgefahren und wir haben im Krankenhaus alles veranlasst. Um 1.00 bin ich wieder zu hause gewesen.

    An nächsten Tag dann die Diagnose: Schwere Infektion der Harnwege und Blase und Flüssigkeitsmangel. Sie bekommt mit der Infusion Antibiotika, Acetylcholin und Nährstoffe. Die ganze Zeit hat sie immer auf Ansprache reagiert, ist aber einfach zu schwach gewesen. Sie hat auch nie ausgetrocknet ausgesehen. Sie ist wohl am Rand gewesen.
    Mittwoch ist sie das erste Mal auf der Bettkante gesessen, haben wir gelesen. Es geht ihr schon besser, aber die Beherrschung der Mundmuskulatur ist noch nicht zurückgekehrt. Sie ist furchtbar müde gewesen, hat zwar meine Anwesenheit zur Kenntnis genommen, aber nicht einmal die Augen geöffnet.
    In etwa 1 Woche sollte die Infektion besiegt sein.
    Sonntag ging es meiner Schwester und mir schon ziemlich schlecht. Es war ja alles möglich. Am Montag dann, wie wir gesehen haben, wie sich alle um Mama bemüht haben, was sich auch in den Gesprächen ausgedrückt hat, ist mir der Himalaja von den Schultern gefallen und ich habe mich sehr erleichtert gefühlt.
    Fast drei Jahre sind vergangen, seit ich alleine in der Nacht in unserer Wohnung war. Ein komisches Gefühl.

    M. wird nicht mehr nach hause zurückkehren. Selbst wenn sie fast wieder die Alte werden sollte, ist das Risiko der Wiederholung einfach zu groß und es ist für mich nicht zu schaffen.

    So hat also das Schicksal entschieden und uns die Entscheidung aus der Hand genommen. Meine Pläne mit der gerontopsychiatrischen Wohngruppe sind damit ja auch erledigt. Bleibt zu hoffen, dass wir einen guten Platz für Mama finden.

    Bis Donnerstag hat sich M.s Verfassung nicht verändert: Bei Ansprache nur kurze Aufmerksamkeit, dann der Blick ins Weite. Da M. nicht schlucken kann, können ihr auch keine Medikamente verabreicht werden, die über den Magen aufgenommen werden müssen. Dies gilt auch für L-Dopa-Präparate (Botenstoff Dopamin).
    Mit unserer Zustimmung ist nun eine Sonde durch das rechte Nasenloch gelegt und es wird ihr L-Dopa in Flüßigkeit gegeben. Und jede Menge Kamillentee, weil eine Verstopfung gedroht hat. Die Sonde ist Freitagnachmittag gelegt worden. Und siehe da - Samstagnachmittag ist M. ein bißchen aufgewacht. Klarer Blick, gute Laune und sie dürfte uns erkannt haben. Sie hat viel gelächelt. Ja oder nein hat sie deutlich gesagt, aber der Rest ist unverständlich.

    Sonntag ist sie nicht so guter Laune gewesen. Das Liegen hat ihr wohl weh getan, aber sie hat nicht die Kraft, die Stellung selbst zu ändern. Und wenn dies vom Pflegepersonal alle 1,5 Stunden getan wird, schmerzt sie das sehr. Auch die Aufmerksamkeit ist heute nicht so gewesen, wie gestern. Einen (klitze)kleinen Schritt vorwärts, einen halben zurück.
    Meine Schwester hat einen CD-Spieler mitgebracht und ich die Musik (Max Bruch, Violinkonzerte). Wir haben M. den Kopfhörer aufgesetzt, sie hat die Augen geschlossen und gelauscht. Eine gute Stunde lang. Dann bin ich gegangen.

    Der behandelnde Arzt hat uns von der transabdominalen Magensonde erzählt und uns empfohlen bei M. eine einsetzen zu lassen. Wir sind kurz vor dem Entschluß dies machen zu lassen. Die Antworten von unserer Mailing-Liste sind sehr beruhigend und wir brauchen uns keine Sorgen wegen der Sonde zu machen. Sofern die Entwicklungen dies noch sinnvoll erscheinen lassen werden, wird die Sonde kommen.

    Montag:
    M. ist wach, reagiert sofort, ist guter Laune und spricht ein paar klare Worte. Sie lächelt und sieht mich direkt an. Ich glaube, sie weiß nicht, wer ich bin. Aber sie freut sich sichtlich. Wertvolle Minuten.
    Ich bin kaum da und die Physiotherapeutin kommt. Sie will M. auf die Bettkante setzen und vielleicht auch stehen lassen. Ich soll ihr helfen, was ich auch tue. Sie ist nicht zimperlich und M. steht auf ihren Beinen. Sie sagt ihr, sie solle nach rechts, dann nach links gehen. Als ob M. dies verstehen könnte. Sie schiebt mit ihrem Fuß M.s Füsse, was, wie ich weiß, M. Schmerzen bereitet. Dann darf sie sich wieder hinsetzen und wir legen sie wieder ins Bett.
    Draußen sage ich ihr freundlich, dass M. sie so nicht verstehen würde. Sie müßte die Aktionen in kleine Teile brechen und diese aussprechen. Ihre Antwort ist klar und eindeutig: Wenn ich die Zeit dazu habe, sei das ja schön, sie habe sie nicht. Und weg ist sie.
    Abends telefoniere ich mit meiner Schwester, die eine halbe Stunde nach mir bei M. gewesen ist. Da ist M. wieder in ihren "Nicht-ansprechbar-Zustand" zurückgekehrt.

    Dienstag:
    M. schläft zwar nicht, öffnet aber auch nicht die Augen. Sie muß immer wieder husten. Die Pflegerin weist uns auf aus den Kiefern austretenden Eiter hin. Wir können ihn deutlich sehen. Ihrer Meinung nach müssen die restlichen 9 Zähne heraus. Der Eiter fließe in die Kehle und dies bringe M. zum Husten. Wir wissen, daß M.s Zähne alle in ziemlich schlechten Zustand sind. Dies kennen wir von denen, die sie dieses Jahr verloren hat: Alle sind auf Höhe des Zahnfleisches abgebrochen und waren innen braun.

    Da das Husten, das Würgen immer schlimmer werden, M. die Tränen unter den geschlossenen Lidern hervorquellen, bestehen wir darauf, dass ihr Schlund abgesaugt wird. Wir müssen das Zimmer verlassen. Danach atmet M. leichter und hustet nicht.

    Nach wie vor: Sie isst nicht und trinkt nicht. Sollen wir es mit Eis versuchen, wenn sie morgen oder übermorgen klar ist? Und wenn dies auch nicht hilft, die  transabdominale Magensonde operieren lassen? Es reisst uns hin und her. Ist die Sonde gesetzt, wird M. so lange weiterernährt werden, wie der Körper die Nahrung noch aufnimmt. Dies kann sich zu einer richtigen Horrorvorstellung entwickeln. Aber wir können sie ihr nicht verweigern und sie zum Verhungern verurteilen.

    Freitag morgen ist M. die Sonde gesetzt worden. Vorher hat sie Valium über die Nasensonde bekommen und dann eine örtliche Betäubung. Um 14:00 haben meine Schwester und ich sie besucht und sie war müde, müde, .... Ist ja klar.

    Der Eiterausfluss aus den Kiefern ist in den letzten drei Tagen fast ganz zurückgegangen und stört sie nicht mehr. Sie atmet ruhig und schläft die meiste Zeit. Auch wenn wir da sind. Ihr "wawawawa..." ist leiser geworden. Sie reagiert zwar, wenn sie angesprochen wird, weiß aber sicher nicht mehr, wer sie ist, wo sie ist, wer wir sind. Emotional ist ein Erkennen da, denn wir bringen sie zum Lächeln. Ganz kurz.

    Der Zahnarzt, bei dem M. dieses Jahr dreimal war, hat meiner Schwester gesagt: Solange es keine Komplikationen gibt, möchte er nichts weiter tun. Ich bin auch nach wie vor dagegen, M. diesen Eingriff zuzumuten. Es sind noch neun Zähne - fünf oben in der Mitte und je zwei unten links und rechts. An diesen waren bisher die Prothesen aufgehängt und solange M. gegessen hat, war dies alles in Ordnung. Aber nun scheint die Extraktion unumgänglich und wir werden das Risiko eingehen müssen.

    Auf unsere Bitten hin ist bei M. inzwischen die rechte Hüfte geröntgt worden. Auf den Bildern ist zu sehen, daß sich das künstliche Gelenk aus der Hüfte gelöst hat. Dies erklärt eindeutig ihre starken Schmerzen und auch ihre hin und wieder vorkommende starke Neigung nach rechts beim Gehen. Ich habe mir nicht vorstellen können, daß sie trotzdem noch gehen konnte. Quot era demonstrandum.

    Samstag:
    M. ist fröhlich und leicht zum Lächeln zu bringen. Ihr "wawawa......" ist fast lustig. Wir spielen ihr auf dem CD-Spieler Beethovens Violinkonzert. Dann merke ich, daß der Spieler auf "Nummer nach Zufall-spielen" eingestellt ist. Zuerst hat sie also den 1. Satz gehört, dann eine Violinsonate (# 4 auf der CD), dann den 3. Satz, dann die 2. Sonate (# 5) und dann den 2. Satz. Ob sie es bemerkt hat?

    Sonntag:
    Heute paßt ihr etwas nicht. Sie ist ungnädig, läßt sich kaum anlangen. Eigentlich wollte ich ihr ein paar Stellen aus der Walküre spielen (Walkürenritt und Feuerzauber) und dann waren die Batterien leer.
    Sie sagt einen ganzen Satz. Auf die Frage "Weisst Du, wo die Else ist?" (wer meinen Text gelesen hat, weiß, daß dies ihre lange verstorbene Schwester war, die aber ständig bei ihr vorkam), antwortet sie "Das weiß ich auch nicht". Für uns klar zu verstehen. Einige Male sind wir ganz knapp daran, weiteres zu verstehen. Aber nur knapp. Dies ist auf jeden Fall eine Besserung.
    Wir haben die Pflegerin gefragt, ob M. aus dem Bett kann. Sicher kann sie das. Die Pflegerin setzt M. in einen Rollstuhl, was sie gar nicht mag. Sie schimpft mit ihr und mit uns. Dann fahren wir mit ihr zu einem Balkon, wo wir die Alpensilhouette sehen können (also ist Föhn). Dann muß ich weg. Meine Schwester und ihre Tochter bleiben noch.

    Mittwoch
    Das Krankenhaus hat keine kieferchirurgische Abteilung. Daher informiere ich mich und finde die Ambulanz der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie der Ludwig-Maximilian-Universität. M. muß zur Untersuchung dorthin kommen. Ich mache mit dem behandelnden Arzt des Krankenhauses aus, daß das Krankenhaus am Donnerstag um 8.00 Uhr Uhr den Transport sicherstellt. Meine Schwester will dort sein und dafür sorgen, daß M. den Trainingsanzug angezogen bekommt. Dann will sie folgen und mich mit dem Handy anrufen. Da meine Arbeitsstelle nur fünf Minuten von der kieferchirurgischen Ambulanz entfernt ist, kann ich ganz schnell dort sein.

    Donnerstag
    Um 8.10 ruft mich meine Schwester in der Arbeit an und sagt mir, daß M. schon längst weg ist. Ich gehe sofort hinüber zur Ambulanz und finde sie alleine auf einer Liege an einem Behandlungsplatz. Sie ist GottseiDank sehr müde und scheint nicht erschreckt. Sie kann nicht sprechen und ihr Mund ist teilweise mit Eiter/Speichel verklebt. Nach etwa zehn Minuten wird M. zum Röntgen gebracht. Ich warte, werde aber gleich gerufen. M. legt ihren Kopf nicht an die richtige Stelle, hebt ihn immer wieder an. Also rede ich ihr gut zu und wir schaffen es, daß sie ruhig bleibt.
    Nach dem Röntgen geht es wieder in die Ambulanz zurück. Ein Arzt wird erst in einer Weile Zeit haben. Er kommt, nachdem er die Röntgenaufnahmen studiert hat und sagt, daß alle Zähne raus müssen. Ich erkläre ihm, daß dies ohne Narkose nicht gehen wird, da M. den Mund nicht offen halten wird. Für ihn ist alles klar und eine Schwester füllt die Unterlagen für den Anästhesisten mit mir aus. Dieser kommt ein bißchen später und wir gehen alles noch einmal durch. Er läßt mich deutlich spüren, daß ihm angesichts M.s Alter und ihrer physischen Verfassung nicht wohl in der Haut ist.
    Aber da die Zähne raus müssen, bleibt keine Wahl. Nach meinem Gefühl sieht er ein erhebliches Risiko. Nur, daß M. bisher keine Probleme mit Herz und Kreislauf gehabt hat, stimmt ihn positiv. Er weiß auch, was die Narkose für das kranke Gehirn bedeutet oder bedeuten kann. Etwa eine halbe Stunde sitzen wir zusammen, immer wieder unterbrochen von meinen Beruhigungsbemühungen bei M. Dann wird Mama der Mund und die Zähne gesäubert, was wirklich nötig ist.
    Inzwischen ist es 11.00 Uhr geworden und es fehlen nur noch ein paar Unterlagen. Die Schwester bestellt den Rücktransport und wir beenden den Papierkram. Und dann dauert es fast 1,5 Stunden, bis der Krankentransport endlich kommt. 4 1/4 Stunden, so glaube ich in diesen Minuten, mußte M. auf der Liege liegen. Wobei wir schon ihre Körperstellung einige Male geändert haben, so, wie auch sie selbst. Die Schwestern haben sich viele Male sehen lassen und waren alle sehr nett. Der operierende Arzt gibt mir Vertrauen.

    Am Abend erfahre ich, daß der Transport morgens um 6.45 Uhr stattgefunden hat. Die Sanis sind einfach gekommen und die Pfleger auf der Station haben nicht gewagt, den Transport abzulehnen, da sie aus Erfahrung wissen, daß der nächste dann sehr viel später kommt. Bedeutet, daß M. nicht gewaschen, der Mund nicht gesäubert,  die Haut nicht eingecremt werden konnten. Sie hatte ihr Nachthemd, eine Bettjacke, eine Windel und ihre Hausschuhe an. Sie war also schon 1 Stunde in der Ambulanz, bis ich gekommen bin. Macht also zusammen 5 1/4 Stunden. Ich will jetzt nicht niederschreiben, was mir da durch den Kopf geht. Nur soviel: Der kranke Mensch ist Ware, wie ein Auto in der Werkstatt. Vielleicht noch weniger wert.
    Als ich am Nachmittag mit meiner Schwester bei ihr bin, ist nichts zu machen, was ja ganz logisch ist. Sie schläft. Sie muß völlig erschöpft sein nach dieser irrsinnigen Strapaze.

    Freitag
    M. schläft so tief, daß es uns nicht gelingt, sie zu wecken. Wir hören von der Schwester, daß sie morgens am Tisch gesessen und geduscht (Haare gewaschen) worden ist. Man sieht es. Dies und der Vortag haben sie sehr erschöpft.

    Samstag
    Mama ist wach, hört Tschaikowskys 1. Klavierkonzert . Meine Schwester sagt, daß sie beim ersten Ton reagiert hat und dann mit dem Kopf mitgenickt hat. Sie sitzt bereits im Rollstuhl und auf Empfehlung der Pflegerin, fahren wir nach unten vor das Krankenhaus. Es ist herrlich warm, auch wenn manche Windbö M.s Haare fliegen lässt. Sie hört das Klavierkonzert weiter und schläft nicht, ist auch ansprechbar. Meine Schwester sagt mir, dass M. einige deutliche Wörter gesagt hat. Ihre "Ja" oder "Nein" scheinen korrekt. Vor eine Alternative gestellt, kann sie sich nicht entscheiden (oder es ist zu schwierig) und sie antwortet gar nicht.
    Nach einer 3/4 Stunde wird sie dann wieder müde und ich bringe sie auf die Station zurück, wo ihr das Pflegepersonal wieder ins Bett hilft. Nicht ohne zuvor etwas gerötete Stellen am Gesäß fest einzucremen.

    Mama bekommt von den PflegernInnen und Schwestern eine erstklassige Behandlung. Alle mögen sie, auch weil sie hilflos ist und die Bewegungen schmerzen. Besser kann sie es nicht haben. Aber in dieser dritten Woche ist kaum eine sichtbare Besserung eingetreten und es ist / scheint unwahrscheinlich, daß diese noch eintreten wird. Aber wir geben die Hoffnung nicht ganz auf. Mama hat uns schon einige Male ganz schön verblüfft. Und sie ist noch nicht fertig mit dem Leben, was ihr Lächeln heute deutlich macht. Vielleicht werden es nur ganz kleine Schrittchen, einen nach dem anderen. Oder es ist der Beginn des Endstadiums. Noch können wir es nicht wissen.

    Der Operationstermin am kommenden Donnerstag zwingt zu einem Verbleiben im Krankenhaus, selbst wenn inzwischen ein Pflegeplatz frei wird. Diesen werden wir reservieren = bezahlen, wenn es soweit ist. M. muß für die Operation vorbereitet werden, die nötigen Untersuchungen müssen durchgeführt werden. Sie muß in der bestmöglichen Kondition sein, um überhaupt die Chance zu haben, danach nicht total ins Dunkel zu stürzen. Ich habe wirklich Angst vor diesem Tag.  Aber erst muß sie am Donnerstag operationsfähig sein, was nicht unbedingt vorherzusehen ist.

    Montag
    Morgens ist der Anruf von der AWO gekommen: In Neubiberg ist ab 1.7. ein Platz für M. Das Neubiberger Heim der AWO ist sicher eines der angenehmsten Heime. Viel Grün, ein Neubau, gemütliche Zimmer, ruhig. Hoffen wir, daß die Pflege dazu paßt. Sie wird also am Donnerstag, 2.7. nach der Operation am Nachmittag direkt dorthin gebracht werden. Nun können wir nur noch hoffen, daß die Vollnarkose nicht zu viele Nervenzellen kosten und womöglich die kleinen Besserungen der vergangenen Wochen wieder zunichte machen wird. Der Kieferchirurg hat auf meine Bitte mit dem Krankenhaus telefoniert und genaue Anweisungen für Untersuchungen und Operationsvorbereitung gegeben. Zumindest dieses hat geklappt.

    Mittwoch
    M. ist deutlich wacher und beginnt mehr zu sprechen - verständlich zu sprechen. Sie hat in zwei Etappen den ganzen "Fliegenden Holländer" mit grosser Freude angehört. Und morgen kommen Narkose und Operation. Mist!

    Donnerstag
    Morgens um 7.30 (im Vorraum Stationszimmer Kieferchirurgie) ist M. richtig lieb. Sie ist wach, ausgeschlafen und ruhig. Der Transport hat sie also nicht aufgeregt. Die Schwestern haben ihr den Jogginanzug aus- und das Krankenhaushemd angezogen.
    Der Anästhesist geht mit mir nochmals die Unterlagen durch. Dann meint er, dass M. über Nacht bleiben muß. OK.
    Kurz vor 9 Uhr wird M. Richtung Operationssaal zur Narkose gefahren und ich muß noch die Verwaltungsangelegenheiten erledigen. Dann ins Büro.
    Um 10 Uhr rufe ich an. M. ist noch im OP. Schwester E. sagt, sie wird mich anrufen, wenn M. in den Aufwachraum gebracht werden wird. Kurz vor 11 Uhr kommt der Anruf. Es ist alles in Ordnung und ich brauche nicht zu kommen. Wir können sie aber um 15 Uhr besuchen.
    Um 13 Uhr kommt ein Anruf: M. wird zurück ins Krankenhaus gebracht. Für sie ist nun doch kein Bett frei. Ich verständige meine Schwester und wir sind um 14.05 Uhr in der Chirurgie. Der Operateur erzählt uns, daß es keine Probleme gegeben hat und auch keine zu erwarten sind. M. sieht schrecklich aus - ohne Zähne sind Wangen und Lippen eingefallen, es ist etwas Blut auf den Lippen, ihre Stimme ist sehr tief und rauh von der Narkose. Aber es scheint ihr nichts weh zu tun. Der Krankenwagen kommt und bringt M. zurück ins Krankenhaus. Wir fahren auch hin, um alles für den Transport zum Pflegeheim zu organisieren. Wir schauen auch zu ihr ins Zimmer. Sie schläft tief und fest und wir gehen wieder.

    Eine Freundin meiner Nichte ist MTA und sagt ihr spontan, als sie die Geschichte hört: Sie wird ins Heim mitkommen und Kieferabdrücke machen und ihr Zahnarzt wird Provisorien anfertigen, die ohne Kaubelastung lange halten werden. Abwarten, ob dies noch einen Sinn haben wird.

    ForgetMeNot.gif Begonnen am 11. Februar 1999, fortgesetzt am 18. Juli. ForgetMeNot.gif

    © by Werner Saumweber 1999

    zum Teil 1 "bis Ende 1997" ø|ø zum Teil 2 "1998" ø|ø zum Teil 4 "ab Juli 1999" ø|ø Obduktionsbericht
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