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Die Alzheimer-
Krankheit

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ForgetMeNot.gif The Alzheimer's
Disease

Pages for Caregivers

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Unsere Mutter Anfang der '90er
Meine Mutter

20.Juli 1914 bis 24. Juli 1999
Ihr Leiden: Die Alzheimer-Krankheit
Teil 2 - 1998


Januar 1998 ø Februar 1998 ø März 1998 ø April 1998 ø Mai 1998 ø Juni 1998 ø Juli 1998 ø August 1998 ø September 1998 ø Oktober 1998 ø November 1998 ø Dezember 1998

zum Teil 1 "bis Ende 1997" ø|ø zum Teil 3 "bis Juni 1999" ø|ø zum Teil 4 "ab Juli 1999 - Mama im Pflegeheim" ø|ø Obduktionsbericht


ForgetMeNot.gif Januar 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Schon vor einiger Zeit hatte ich in den Posts der Alzheimer-List gelesen, daß eine gleichzeitige Diagnose von Alzheimer und Parkinson in Wirklichkeit bedeutet, daß es sich um die Lewy Body-Demenz handelt. Ein Listmember ist Yuval Zabar vom Alzheimer Disease Research Center in Baltimore, Maryland. Er schrieb Anfang Januar, daß ein extremes Auf und Ab, wie ich es bei M. erlebe, ein Zeichen für LBD ist. Dies ändert für sie und uns nichts, erfordert aber schon Aufmerksamkeit, weil eben mit allem zu rechnen ist.
Nach dem Dezembertief habe ich die Dosierung der Tremarittabletten auf die Hälfte (1 halbe morgens und abends) reduziert. Tremarit reduziert das Zittern und als Nebenwirkung dämpft es die geistige Aktivität. Nach meinem Gefühl ist das Zittern in den letzten Monaten recht schwach. Also versuche ich es mit den Alternativen: Mehr Zittern und dafür geistig wacher.
Und so ist es auch in den ersten beiden Januarwochen stetig aufwärts gegangen. M ist relativ klar, bemerkt ihre Sprachprobleme. "Jetzt kann ich es wieder nicht sagen" ist dann ihr Standardsatz. Wenn ich eine Idee habe, um was es geht, kann ich ihr helfen. Oft ist mir aber völlig unklar, um was es geht.
In der dritten Januarwoche hat sie mich gefragt, wo wir seien. Meine Antwort "in unserer Wohnung" hat sie total überrascht. Jetzt geht dies also wieder los! Aber dafür ist sie kein Zombie.
Ich habe die Dosierung der Tremarit auf 1 halbe morgens und 1 ganze abends geändert. Ihr Zittern ist zu stark geworden und in ihrem Geist ist totales Chaos gewesen. Und das Ausziehen ist mit großer Intensität zurückgekommen. Nun scheint sie wieder auf dem Stand des Sommers angelangt zu sein. Dies wäre für alle einigermaßen akzeptabel.

ForgetMeNot.gif Februar 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

M.s Comeback hat sich bis Mitte Februar fortgesetzt. Sie sieht wieder zum Fernseher, wenn etwas läuft, was ihr interessant scheint und wenn nicht ihre ausgeprägten Sprachprobleme wären, könnte man manchmal ihre Krankheit vergessen. So lebendig wie diese Tage, war sie seit Sommer '97 nicht. Und sie stellt ihre Fragen: Wo ist meine Mamma oder Papa oder Oma oder Schwester oder andere, seit Jahrzehnten verstorbene Verwandte. Einige Male hat sie sich an den Vortag erinnert, was mich nicht schlecht überrascht hat. Schlechter steht es mit dem Bewegen der Finger: Zahnprotesen einsetzen und herausnehmen ist regelmäßig nicht möglich. Ich sage ihr, was sie tun muß und es dauert sehr, sehr lange. Immer öfter tue ich es dann. Inwischen ist ein zusammenklappbarer Rollstuhl von der DAK angekommen und meine Schwester hat M. spazieren gefahren, was ihr sehr gut gefallen hat, was bei 15 Grad in der Sonne verständlich ist. Außerdem kümmert sich meine Schwester den Donnerstag um M., so daß ich einen Tag mehr arbeiten kann, was mir nicht schlecht bekommt.

ForgetMeNot.gif März 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Mit M.s Comeback sind tatsächlich alte Symptome zurückgekehrt. Es ist Jahre her, daß sie nicht in ihrem Bett schlafen wollte: "In diesem Bett schlafe ich nicht. Dies ist nicht mein Bett.". Sie ist zwar geistig wacher, aber auch einige Symptome sind wieder stärker geworden. Sie kommt mir zunehmend fremder vor. Ich fühle mit ein bißchen wie beim Akt auf dem Drahtseil, bin mehr unsicher, wie ich reagieren soll, weiß oft nicht, was ihr Gerede, ihre Frage bedeuten soll. Sie bemerkt auch wieder, daß sie nicht die Worte spricht, die sie eigentlich sagen will. Und spricht dies dann aus und frägt mich, warum es nicht geht. Und ich antworte, daß eine Krankheit ihr Gedächtnis zerstört und sie darum nicht mehr alles weiß. Dies ist so ziemlich eine der schlimmsten Situationen: Sie sieht mich hilfesuchend mit großen Augen über die Brille hinweg an, mit Augen, die zugleich kindlich und alt sind.

ForgetMeNot.gif April 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

M. scheint sich auf einem (seit vier Wochen stabilen) Plateau zu befinden. Die alten Symptome, die mich im März zu fast poetischen Worten veranlaßt haben, sind nur sehr selten. Es ist die lange Zeit, während der sie nicht manifest waren, die die Überraschung bei mir verursacht hat. M. hat eine unglaublich positive Lebenseinstellung, ist ein sehr lieber Mensch. Dies macht es mir möglich, ihr zu helfen. Auch die beiden Damen der Tagespflege sind voll des Lobes für sie: Sie unterhält die Gruppe - obwohl sie ja ganz selten tatsächlich das sagt, was sie eigentlich sagen will.
Ihr Schlafrhytmus variiert fast von Woche zu Woche: Seit ein paar Tagen ist sie wieder auf elf und mehr Stunden, wenn sie kann. Aber das Aufstehenmüssen um halb acht an den Tagen der Tagespflege verkraftet sie besser, als im vergangenen 1996.
Unser Projekt AlzheimerForum kostet mich zwar viel Freizeit, gibt mir aber auch neue Kraft. Mehr dazu im Mai.

ForgetMeNot.gif Mai 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Das Gehen ist in den vergangenen Wochen noch schwieriger für sie geworden. In unserer Altbauwohnung sind es wohl 18 Meter vom Wohnzimmertisch bis zur Toilettenschüssel. Bei einer "Schrittweite" von 10 bis 15 cm sind es also 150 bis 180 "Schritte" - eine richtige Anstrengung. Morgens fahre ich sie nun mit dem Toilettenstuhl bis zur Schüssel, so daß sie sich nur mehr umdrehen muß. (Dazu mußte ich für das Katerklo einen neuen Platz finden und ein paar andere Sachen wegräumen, was sich aber wirklich rentiert hat.) Selbst das ist manchmal noch zu viel. Danach fahre ich sie dann mit dem Stuhl zum Badezimmer, was wieder 15 Meter sind. Dadurch spare ich circa 5 Minuten ein und Kraft spare ich auch.
Nach einer langen Pause ist das Ausziehen wieder ganz aktuell geworden. Morgens, wenn Zeit bleibt und vor allem nachmittags. Leider weiss ich nicht wie es früher in M.s Familie (also vor meiner Zeit) üblich war. Biographiearbeit ist einfach nicht gegeben. Es gibt niemanden mehr, der dazu etwas sagen könnte.
Göttliche Spargelzeit! Es schmeckt uns wieder und M. freut sich jedes Mal, wenn es Spargel gibt.
Seit Anfang des Jahres hilft mir eine Bekannte beim Saubermachen. Dies ist eine Riesenerleichterung. Und mindestens genau so viel bringt mir die Hilfe einer anderen Bekannten, die mir beim Baden von M. hilft. Da sie in einem Pflegeheim arbeitet, hat sie viel Erfahrung. Sie macht auch ein paar Übungen mit M. in der Wanne, wäscht ihr den ganzen Körper und kremt ihn anschliessend ein, was der Haut sehr gut tut. Dies sei jedem anderen in meiner Situation ganz dringend empfohlen:
  • Such' Dir Unterstützung.
  • Auch Du bist nur ein Mensch und hast Deine Grenzen.
  • Wenn Du alles alleine machst, gehst Du früher oder später kaputt.
  • Und vor allem: Rechtzeitig bei den ersten Anzeichen muß die Hilfe her.

  • ForgetMeNot.gif Juni 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Im Juni ist viel geschehen, darunter Dinge, die so privat sind, daß ich sie hier nicht niederschreibe.
  • Auf meine morgendliche Begrüßung "Guten Morgen liebe Mamma" hat M. mir einmal geantwortet "Guten Morgen mein Sohn". Ich vermag nicht zu sagen, in welchem Jahr dies das letzte Mal geschehen war.
  • Schon seit einigen Monaten beobachte ich manchmal eine Rechtsneigung in M.s Körperhaltung. Nie morgens, selten während des Tages, aber ab dem frühen Abend. Beim Gehen stößt dann immer ihr linker Fuß mit meinem rechten zusammen und würde ich sie nicht ganz fest halten, kippte sie sofort nach rechts. Da es dann kaum mehr möglich ist zu gehen, kommt dann wieder der Toilettenstuhl zum Einsatz.
    Von der Alz-List kenne ich das Thema "Leaning to one side", was eigentlich ein Symptom des letzten Stadiums ist. Von dem M. noch weit entfernt ist. Wahrscheinlich hat es etwas mit dem Parkinson-Teil ihrer Krankheit zu tun. Anfang Juli wird unser Hausarzt wieder einmal vorbeischauen und dann werde ich mit ihm darüber sprechen. Ich habe gelesen, daß die Wirksamkeit der L-Dopa-Gaben mit der Zeit zurückgeht und dann die Dosis erhöht werden muß.
  • Ihr Kinn zittert im Ruhezustand. Auch dies ist abends stärker.
  • Mitte des Monats, donnerstags mit meiner Schwester, ging es ihr unheimlich gut. Sie wollte mich unbedingt in der Arbeit anrufen und mit mir plaudern, was sie dann auch getan hat. Gewählt hat natürlich meine Schwester.
  • Ein- bis zweimal die Woche gibt es Probleme während der Zubettgeh-Routine. Das beginnt auf der Toilette, geht weiter im Badezimmer und setzt sich fort, bis sie letztendlich im Bett liegt. Irgend etwas muß ich ändern. Noch weiß ich nicht was und wie.
  • Insgesamt geht es M. mindestens so gut wie im Sommer 1997. Bis auf ihre Kraft und Ausdauer, die erkennbar zurückgegangen sind.

  • ForgetMeNot.gif Juli 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    M. hat ihren 84. Geburtstag erlebt. Ich hatte die Schwestern der Tagespflege informiert und sie haben ein bißchen gefeiert. M.s Geburtstag (Dies ist ein Ausschnitt eines Bild von dieser Feier. Das ganze hat 43 K. Zum Ansehen auf das Bild klicken.) Dann ist Besuch zum Kaffee gekommen: Meine Schwester mit ihren Töchtern und den beiden Kindern der älteren. M. hat ihre Geschenke bekommen. Von mir einen großen Blumemstrauß mit Sommerblumen. In den Tagen zuvor hatte ich ihr Alter erwähnt. Einmal sind beinahe Tränen geflossen und sie sagte: "So alt bin ich schon?" Da habe ich beschlossen, diese Zahl nicht mehr zu erwähnen. Und dies habe ich eingehalten, was nicht schwer war, da sie nicht mehr gefragt hat, wie alt sie sei.
    Das Ausziehen geht jetzt seit zwei Wochen jeden Tag - bis zum gestrigen Samstag. Es hat natürlich ein paar wirklich heiße Tage gegeben. Dies muß man schon auch sehen. So auch an ihrem Geburtstag. Wir waren vielleicht 5 Minuten alleine und sie hat sich ausgezogen. Ich kann inzwischen besser damit umgehen, aber nervend bleibt es.
    Es hat ein paar Tage gegeben, an denen M. unheimlich klar war. Keine "Arbeiten", kaum Sprechprobleme. Ein paar Tage / Stunden sind einfach schön gewesen.
    Ihr Schlafbedürfnis ist gewaltig zurückgegangen. Gestern ist es dreiviertel Sieben gewesen, als ich sie gehört habe. Nach dem Toilettengang ist sie zwar nocheinmal ins Bett zurück, aber nur bis acht Uhr. Das Problem ist fuer mich der Donnerstag, wenn ich um halb acht das Haus verlasse und meine Schwester zu M. kommt. Sie schafft es kaum vor viertel nach acht.
    Die Rechtsneigung des Körpers ist fast nicht mehr da. Ihre körperliche Konstitution ist insgesamt besser. Wie im Juli '97.
    Und wie im Juli '97 hörten wir die Direktübertragungen der Festspiele aus Bayreuth. Samstag den " Holländer", Montag, Dienstag, Freitag und Samstag "den Ring". Vor einem Jahr hat M. einer ganzen Oper konzentriert zugehört, was - ohne zwei Pausen zu circa einer Stunde - vier Stunden Musik sind. Schaffen Sie das? Dieses Jahr hat sie beim Schlußbeifall beim "Holländer" gedacht, es wäre das Ende des ersten Aktes und war dann sehr enttäuscht, daß es schon zu Ende war. Leider erinnert sie sich nicht mehr an die Handlung. Früher habe ich sie gefragt, "wer singt jetzt?" und sie wußte es. Heute sage ich ihr was gerade passiert und welche Figur/en gerade singt/en. Ihr Kommentar ist dann: "Das weiß ich schon!".
    In der vierten Juliwoche hat sie sich nicht mehr ausgezogen.

    ForgetMeNot.gif August 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Diese hohen Temperaturen sind dann doch wohl zu viel. Wenn ich sie aufwecken muß (wegen der Tagespflege), werden ihre Defizite sehr viel deutlicher. M.s Rücken ist schon ziemlich krumm. Ihr Scheitel reicht gerade noch bis zu meinem Brustbein. Es gelingt ihr zwar, den Kopf hoch zu nehmen, aber nur für Augenblicke. Dies wird beim Mundausspülen nach dem Zähneputzen (na ja) ganz deutlich: Sie schafft es alleine fast nicht, Kopf und Becher zu heben und einen Mund voll Wasser zu nehmen. Ich helfe ihr natürlich. Und manchmal geht es dann ganz leicht. Im Stehen trinken, ist schon lange sehr schwierig. Aber die jetzigen Probleme sind doch neu. Auch den Mund so richtig voll Wasser zu nehmen und den Mund gut auszuspülen, kann sie zur Zeit nicht gut.
    Ich habe den Eindruck, daß die Bewegungskapazität schlechter ist, wenn sie nicht ausgeschlafen hat. Zwar schläft sie (wie beschrieben) bei weitem nicht mehr so lang, wie in den vergangenen Monaten. Aber auch der gesunde Mensch, wenn im falschen Moment geweckt, ist nicht auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit. Wieviel mehr zählt dies bei M. Das Aufstehen vom Toilettenstuhl, dann umdrehen und auf die Toilettenbrille setzen, ist sehr schwierig. Die Füsse wollen sich nicht vom Fleck bewegen und ich schiebe und schiebe (sanft).
    Am 12. morgens saß sie auf der Toilette und kein Urin ist gekommen. Dies ist vorher einmal geschehen. Damals sind wir dann ins Badezimmer gegangen und kaum lief das Wasser, sagte sie, "jetzt muß ich aber aufs Klo" und alles ging gut. Ich habe gehofft, daß es auch diesmal so sein würde. Ätsch. Kein Wort hat sie gesagt und erst im Schlafzimmer, wie ich ihr die Hausschuhe ausgezogen habe, habe ich bemerkt, daß diese naß gewesen sind. Ich bin schon lange gewohnt, M.s Beine nach Unfällen zu waschen - kein Problem - und im Bad habe ich dann die Pfütze aufgewischt. Ich habe sie gefragt, warum sie nichts gesagt hat und sie hat geantwortet, daß sie zweimal etwas gesagt habe. Sie wollte es sagen und es ist nichts gekommen. Ich hoffe, daß die hohen Temperaturen schuld sind.
    Seit Januar '97 ist M. in der Tagespflege der Arbeiterwohlfahrt, in Haidhausen, in der Gravelottestraße. Frau Gruber, eine zweite Schwester und ein Zivi geben sich umheimlich viel Mühe. Es ist ohne Zweifel mit ihr Verdienst, daß M.s Plateau doch schon einige Zeit hält. Ich möchte dies hier ausdrücklich niederschreiben, auch wenn Frau Gruber nicht im Web surft. Und das Essen (in der Gemeinschaft) schmeckt M. sehr gut. So hat sie in diesen 18 Monaten gut 5 Kilogramm zugenommen und wiegt etwa 51 Kg bei circa 165 Zentimeter Größe. Fast alle ihre Röcke, Kleider und Blusen sitzen sichtbar eng, einige habe ich ganz auf die Seite gelegt. Jenachdem wird sie sie wieder brauchen können, wenn sie Gewicht verlieren wird. Meine Schwester hat ein paar schöne Sommerkleider etc. gekauft und M. gefällt sich damit recht gut. Seit 2 oder 3 Wochen ißt sie abends deutlich weniger. Ich bemerke auch klar, daß der Geschmackssinn sich von Tag zu Tag ändern kann. Speisen, die ihr sonst geschmeckt haben, mag sie gar nicht.
    Alles Punkte, die ich weiter beobachten werde. Manches mag nichts bedeuten, manches hingegen sehr wohl.
    M. hat schon vor Monaten im Abstand von ein paar Wochen je einen Zahn oben und unten verloren. Für sie ist es jeden Tag neu. Und sie erzählt mir, daß sie einen Zahn verloren hat. Dies, so etwa jeden zweiten Tag.


    ForgetMeNot.gif September 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Nun fehlt auch der zweite der mittleren Schneidezähne. Erfreulicherweise ist der Zahnarzttermin schon in der 2. Septemberwoche. Wird schon gut gehen.
    Kaum ist das schöne Wetter vorbei, schon wird M. wieder zum Murmeltier. Freitag bis 12.15 und Samstag bis 13.15 Uhr ist schon verdammt lang. (Siehe den Absatz "Bis Ende November 1997 ".) Und sie frägt dauernd, wo ihre Mamma sei. Meine aktuelle Taktik ist zu sagen, daß es mir leid täte, es aber nicht wüßte. Gleiches sage ich, wenn sie nach anderen Menschen ihrer Vergangenheit, die schon lange tot sind, frägt. Eigentlich funktioniert es. Aber sie ist manchmal den Tränen nahe. Es heißt, daß sich die Kranken von ihrer eigenen Mutter im Stich gelassen fühlen.
    Nachzutragen ist der Badewannenlift, der uns von der DAK zur Verfügung gestellt wird und Ende Juli angekommen ist. Wenn ich keine Hilfe habe, ist dies die einzige sichere Möglichkeit. Nur ist es nicht so einfach, M. dazu zu bringen, sich richtig hinzusetzen. Beim 1. Mal ging es sehr gut, beim 2. war es eine einzige Katatrophe. 30 Minuten hat es gedauert, bis sie endlich im Wasser war. Noch habe ich keine echte Taktik entwickelt, aber auch das wird mir gelingen.
    Wenn meine Bekannte Zeit hat, dann verzichten wir auf den Lift. Denn mit ihm muß M. die ganze Zeit aufrecht sitzen, kann nicht plätschern und das Wasser geht ihr gerade bis zur Brust. Das Baden macht dann nicht so viel Spaß, aber es ist sicher, weil M. mir nicht aus den Händen rutschen und sich verletzen kann.
    Der Zahnarzttermin ist vorbei und ihre untere Prothese hat nun in der Mitte zwei Zähne. Das sieht doch gleich wieder besser aus! Probleme hat es beim Zahnarzt nicht gegeben. Meine Schwester sagt, daß er sehr gut mit alten Menschen umgehen kann, was er deutlich bewiesen hat. Er mußte 2 Wurzeln aus dem Kiefer holen und hat M. eine Spritze gegeben. Sie hat danach kein einziges Mal über Schmerzen geklagt. Spürt sie nichts mehr?
    Donnerstag waren wir bei einer Augenärztin wegen M.s Antrag auf Blindengeld. Wir durften nicht im Behandlungszimmer bleiben und sie wollte von uns nichts wissen. Durch die geschlossene Türe haben wir gehört, daß sie M. Fragen gestellt hat. Wie gerne wäre ich ein Mäuschen gewesen! Vor allem weil M. in letzter Zeit sehr oft das Gegenteil dessen sagt, was sie sagen sollte und -niemand weiß es - will? Im Wartezimmer habe ich sie gefragt, welche Farbe mein Sakko hat und sie hat geantwortet "braun", was natürlich nicht stimmt. Es ist dunkelblau. M. hat mir eine Vollmacht für die Angelegenheit Blindengeld erteilt, was aber die Ärztin nicht interessiert hat. Sie darf keine Auskunft geben. Ich bin sehr gespannt, was das Ergebnis ihrer Untersuchung sein wird.

    ForgetMeNot.gif Oktober 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Im Oktober gibt es vom vielem ein bißchen:
  • Schlafen bis mittag.
  • Ich wache um 5:45 Uhr auf und weiß daß ich M. gehört habe. Sie muß auf die Toilette.
  • Um 6:15, meiner normalen Aufstehzeit, sitzt sie im naßen Bett.
  • Das jährliche Klassentreffen findet statt. Es sind noch dreizehn Schulkameradinnen da. Alle anderen erfreuen sich einer guten Gesundheit. Einzig M. leidet an Alzheimer - sehr traurig. Meine Schwester ist mit dabei und erzählt mir, daß zwei der Damen alleine mit dem Zug angereist sind. Aber M. hat sich gut unterhalten, auch wenn sie fast nichts mitbekommen hat.
    Alles in allem ein ruhiger Monat, fast zu ruhig.

  • ForgetMeNot.gif November 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Nachzutragen ist, daß M. noch sieben Prozent Sehvermögen auf beiden Augen hat und erst bei weniger als fünf ein Anspruch auf Blindengeld entsteht. So lautet das Gutachten der Ärztin, welche allerdings beim Blindenverband nicht unbekannt ist.
    Was sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet hat, tritt immer deutlicher hervor: Ein Nachlassen der manuellen Fähigkeiten. Zähneputzen, den Wasserbecher zum Munde heben, den Mund voll Wasser nehmen und spülen ist ohne meine aktive Hilfe, also nicht nur wörtliche Anleitung, fast nicht mehr zu machen. Nicht zu reden von den Zahnprotesen. Jeden zweiten Tag putze ich M. die Zähne nach, vor allem die Innenseiten werden total vergessen.
    Wenn M. von der Tagespflege nach hause kommt, ist sie seit zwei oder drei Wochen, ziemlich durcheinander. Zweimal hat sie mich noch eine Stunde lang gesiezt. Und "wo ist Werner?" muß ich leider immer wieder hören. Auch das Ausziehen nach der Tagespflege ist recht geballt. Allerdings erst zwei, drei Stunden später, also zur Abendessenzeit. Oft braucht sie erst die Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen, was auch ein kleines Nickerchen einschließt. Oder sie plappert und plappert - fast alles unverständlch - und stellt mir Fragen, die ich nicht beantworten kann (bis zu einer Stunde oder länger). Dann geht sie meistens zur Ruhephase über.
    Es gelingt mir inzwischen häufig, M. bereits kurz nach 22:00 Uhr zum Zubettgehen zu veranlassen. Vor allem natürlich, wenn sie am nächsten Tag aufstehen muß. Sie braucht die Minuten und ich habe ein etwas längeres Ruhefenster, um noch konzentriert zu lesen (im November u.a. den letzten King, Sarah).
    Wir machen Sprachübungen. Sie hört im Fernsehen ein Wort, das sie wiederholen will. Und ich sage es ihr dann vor, sie spricht mit, und je nachdem, schafft sie es oder nicht. Das kann alles mögliche sein, in der Regel sind es Fremdwörter, zusammengesetzte Wörter.
    Der Blase ging es ganz gut. Auch der Stuhlgang ist recht regelmäß. Dies sicher, weil sie einigermaßen trinkt. Beim Abendessen ißt sie aber deutlich weniger - vielleicht um ein Drittel. Außer, es schmeckt ihr besonders gut; so, wie neulich der Wurstsalat. Pralinen, viel Obst und Gebäck gleichen dies noch aus. Beim Gewicht hat sich dies aber nach meinem Eindruck noch nicht ausgewirkt. Aber auch dies ist nur eine Frage der Zeit.

    ForgetMeNot.gif Dezember 1998 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Die Sprechprobleme sind sehr deutlich. Ich schaffe es oft nicht, mir etwas vorzustellen, zu erraten, um was es geht. Dies kann ganz schön stressig sein. Aber nach wie vor schafft sie es mit einem Besuch, wie zum Beispiel ein paar meiner wenigen Freunde, eingermaßen zu reden. Die "berühmten" Floskeln. Manchmal, wenn es ganz schlimm ist, spricht sie mit Phantasmen. Als hätte sie Gäste. Und dann redet sie wirklich gut. Die ganze Palette, wie "Was darf ich Ihnen bringen" , "Wie geht es Ihnen heute?", " Haben Sie gut geschlafen?", "Wie geht es Ihrer Gemahlin" und vieles mehr über viele Minuten. Sie erzählt richtige Geschichten. Ich laße sie dann ganz in Ruhe.
    Ihre Langschlafphase hat bis zum letzten Tag des Jahres angedauert. Mittagessen hat es nur noch ausnahmsweise gegeben. Dafür Obst, den Rest der Weihnachtsplätzchen, Kekse. Am Abend habe ich dann gekocht. Ich gewöhne mich an alles. Fast.
    Das Weihnachtsfest ist an ihr so ziemlich ohne Eindruck vorübergegangen. Am ersten Feiertag sind wir zu meiner Schwester zur Gans eingeladen gewesen. Die Urenkel Laura (2 Jahre) und Tobias (4 1/2) haben ihr Freude bereitet, ohne Zweifel. Aber die Handschuhe sind niemals ihre, immer die von ihrer (längst toten) Schwester oder ihrer Enkelin, die eine sehr große Rolle bei ihr spielt.
    An Sylvester habe ich sie um 23.00 zu Bett gebracht. Ob sie vom Feuerwerk etwas gehört hat oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich habe mein Fenster geschlossen und gut geschlafen.

    ForgetMeNot.gif Begonnen am 8. November 1997. ForgetMeNot.gif
    Beendet am 17. Januar 1999.
    © by Werner Saumweber 1998, 1999

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